So geht eine externe Promotion

Ich hatte mich mein ganzes Leben lang permanent weiterentwickelt und wurde immer wieder mit verschiedenen Prüfungen konfrontiert. Angefangen bei den Abschlussprüfungen in der Schule und den Aufnahmeprüfungen für mein Studium an der Samara State Aerospace University bis hin zu zahlreichen Prüfungen aus meinem Bachelor- und Masterstudium in Paderborn. Projektleben nach Abschluss meines Studiums wurde allerdings sehr ruhig und abgesehen von einigen Herausforderungen in Projekten sehr monoton. Ich brauchte eine neue Herausforderung, ich brauchte ein Ziel.

Ich denke, dass es vielen Absolventen diese Situation bekannt ist. Für mich persönlich gehören eine ständige Weiterentwicklung und neue Erfahrungen außerhalb der täglichen Routine definitiv zu einem glücklichen und erfüllten Leben. Meiner Meinung nach darf diese Entwicklung nach dem Studium nicht zum Stillstand kommen, wie es oft leider der Fall ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass es sich unbedingt um eine Promotion handeln muss. Aber das kann es sein. Das war’s zumindest für mich. All dies ist eine Antwort auf die entscheidende Frage, WARUM ich mit der Promotion angefangen hatte.


Einen passenden Doktorvater finden

In den letzten neun Monaten vor der Entscheidung, das Unternehmen, in dem ich damals gearbeitet hatte, zu verlassen, beschäftigte ich mich selbst mit der Idee, zu promovieren. Mit 28 Lebensjahren stand ich gefühlt schon an der Grenze: Entweder mache ich es jetzt oder ich werde es nie wieder tun. Im Sommer 2012 hatte ich dann meinen damaligen Job gekündigt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon eine Zusage von adesso AG, wo ich dann im November 2012 beginnen sollte. Mir wurde eine Stelle als Requirements Engineer mit einer Promotionsmöglichkeit angeboten. Diese Stelle war allerdings mein vierter Versuch, einen potentiellen Doktorvater zu finden.

Der Vorstandsvorsitzende von adesso AG war Professor an der Universität Duisburg-Essen. Beim Treffen mit meinem zukünftigen Doktorvater sprach ich zunächst über meine Arbeit, über meine Ziele und natürlich über mich selbst. Nachdem ich mit meinem Anliegen fertig war, wurde ich über die folgenden Rahmenbedingungen einer Promotion informiert. Dissertation wäre eine wissenschaftliche Arbeit, die viel Kraft, Zeit und Ausdauer erfordert. Mein privates Umfeld sollte mein Vorhaben unterstützen. Er sagte dann zum Schluss, dass „eine Dissertation ein dickes Brett ist!“. Wir haben dann beschlossen, dass ich an allen folgenden Dissertationsseminaren der Forschungsgruppe teilnehmen werde. Im November 2013 besuchte ich schließlich mein erstes Dissertationsseminar in Göttingen. Da habe ich viele weitere Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter des Ruhr Institute for Software Engineering – Paluno kennengelernt.

Fakt 1: Dissertation ist ein dickes Brett. Es ist ein Marathon, kein Sprint. Am Anfang sieht man auch nicht unbedingt den ganzen Weg.


Interessantes Thema finden

Mein erster Vortrag im Rahmen eines Dissertationsseminars fand in Koblenz statt. Zwischenzeitlich hatte ich bereits viel über das Thema meiner Arbeit nachgedacht. Wie ich in meiner Masterarbeit gelernt hatte, begann ich, nach einem konkreten und lösbaren Problem in dem mir bekannten Themenbereich Ablösung von Legacy-Systemen zu suchen. Damals stand ich sehr passend kurz davor, mein nächstes IT- Transformationsprojekt zu starten. Bei dem Projekt, das mich dann meine gesamte Dissertation begleitete, ging es um die Fusion zweier Unternehmen und die darauf folgende Ablösung eines Legacy-Systems. Dies war eine perfekte Gelegenheit ein geeignetes Problem für meine Dissertation zu finden.

Bei so lange laufenden Vorhaben entscheidend ist, dass man immer am Ball bleibt. Man muss sich immer kurz- und mittelfristige Ziele setzen, kompromisslos darauf zugehen und immer wieder kleine Erfolgserlebnisse haben. Im Falle einer Dissertation kann es sich um Veröffentlichungen von kleinen Artikeln oder bereits qualitativ hochwertigere Papers in den Fachzeitschriften handeln. Es können auch erfolgreich betreute Abschlussarbeiten oder die Teilnahmen an Dissertationsseminaren mit gutem Feedback sein. All diese Erfolge, die auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, vermitteln den Fortschritt und müssen um jeden Preis gefeiert werden.

Fakt 2: Es ist einfacher und sinnvoller ein Thema für die Dissertation auszusuchen, wo man sich schon auskennt und was Spaß macht. Ein klares, lösbares Problem sollte möglichst schnell definiert werden.


Gründliche Recherche und Interviews

Um an meiner Dissertation effektiv arbeiten zu können, habe ich ein geeignetes Umfeld geschaffen. Das erste, was ich tat, war, mich in ein passendes Projekt einzubringen. Da musste genau das Problem gelöst werden, das ich auch in meiner Arbeit lösen wollte. Als Nächstes sprach ich mit allen mir bekannten Experten, die mit dem Thema vertraut waren und an Datenmigrationsprojekten bereits gearbeitet hatten. Dann führte ich zahlreiche Interviews durch, in denen ich genau erklärte, was ich tun wollte. Ich hatte dabei versucht das Thema abzugrenzen, konkrete Fragestellungen zu formulieren und die existierenden Lösungsansätze aus der Praxis zu verstehen. Ich hatte mich somit Schritt für Schritt in den Kontext des Themas immer tiefer eingearbeitet.

Nach allen angehörten Erfahrungen kam für mich die Zeit, mit der Recherche der wissenschaftlichen Literatur anzufangen. Ich hatte bereits im Vorfeld Bücher mit Grundlagen und Berichten aus Datenmigrationsprojekten durchgelesen. Die wissenschaftlichen Publikationen mussten nun als nächstes in Angriff genommen werden. An dieser Stelle erhielt ich wertvolle Tipps von meinen Betreuern und anderen Doktoranden, die mit den wissenschaftlichen Konferenzen sehr gut auskannten.

Fakt 3: Ein guter Überblick über die Thematik ist eine wichtige Grundlage. Man sollte auch eigene Denkweise über die Problemstellung den Betreuern und Helfern hier transparent machen.


Wissenschaftlicher Mitarbeiter vs. externer Doktorand

Viele fragen mich, wie es möglich war, als externer Doktorand eine Dissertation zu schreiben und hauptberuflich als Berater in Projekten zu arbeiten, in denen Überstunden keine Seltenheit ist. Man könnte meinen, dass es für die wissenschaftlichen Mitarbeitern einer Hochschule viel einfacher wäre, eine Dissertation zu schreiben als für die externen Doktoranden. Ich sehe es nur teilweise so. Entscheidend sind hier ein geeignetes Arbeitsklima und das Umfeld, das die Arbeit fordert und fördert. Das gilt meiner Meinung nach sowohl für die wissenschaftlichen Mitarbeitern als auch für die externen Doktoranden wie mich gleichermaßen. Auch ich musste Zeit finden, in der ich ungestört an meiner Dissertation arbeiten konnte.

Eine Dissertation ist eine wissenschaftliche Forschungsarbeit. Andererseits sollte diese Arbeit kein Selbstzweck sein, sondern neue Wege eröffnen, Mehrwert schaffen und ein echtes Problem lösen. Es muss den Projektbeteiligten in der Praxis das Leben spürbar erleichtern, mehr Stabilität bringen und Risiken und Kosten in der Projektarbeit reduzieren. Ebenso unterscheiden sich die Arbeitsumgebungen eines wissenschaftlichen Mitarbeiters, der im universitären Kontext unterwegs ist und Forschungsmethoden beherrscht, von denen eines externen Doktoranden. Der letzte beschäftigt sich aus erster Hand mit den spannendsten Problemen der Industrie. Und so muss jeder, ob wissenschaftlicher Mitarbeiter oder externer Doktorand, die andere Seite kennen und verstehen lernen.

Fakt 4: Die Arbeitsumgebungen und Arbeitsweisen eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters und eines externen Doktoranden unterscheiden sich erheblich. Diese Unterschiede muss man verstehen.


Feste Arbeitszeiten

In dem dritten Forschungsjahr ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich deutlich mehr Zeit zum Schreiben meiner Arbeit brauche als die Zeit, die mir neben der Projekttätigkeit übrig bliebe. Die Arbeitsintensität war nun auf dem höchsten Stand seit Beginn meiner Dissertation. Ich wollte es auch nicht unnötig in die Länge ziehen und die Arbeit so schnell wie möglich abschließen. Als Reaktion darauf habe ich meinen Arbeitsvertrag bei der adesso AG auf 4 Tage reduziert. Von nun an hatte ich 24 Stunden mehr Freizeit, um an meiner Dissertation zu arbeiten. Das war die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit.

Ich hatte mir die für die Arbeit notwendigen Zeitfenster in drei verschiedenen Varianten definiert. Zuerst hatte ich einen freien Tag pro Woche, an dem ich ungestört an meiner Dissertation arbeiten konnte. Ich habe mir dafür die Dienstage genommen. Die zweite Art von Zeitfenstern waren die Abende nach der Arbeit. Obwohl man in der Regel nicht viel an solchen Abenden schafft, sind solche Zeiten in der Regel frei verfügbar für jeden, um zu arbeiten, und das ist ihr größter Vorteil. Und die dritte Art von festen Zeitfenstern waren Wochenenden. Jede Woche am Sonntag, nach einem ruhigen Frühstück mit meiner Familie, ging ich aus dem Haus in eine Cafeteria und hatte meisten zwischen 11 und 15 Uhr gearbeitet. Und so wurden Woche für Woche immer mehr Kapitel fertig.

Fakt 5: Erfolgreiche Dissertation ist nichts anderes als richtig gesetzten (Arbeits-)Prioritäten. Feste Arbeitszeiten für eine Dissertation ist ein Muss. Außerdem regelmäßiger Sport sorgt für Energie.


Ergebnisse veröffentlichen

Im Rahmen meiner Promotion hatte ich auch mehrfach Artikel und Papers veröffentlich. Eine davon war meine große und entscheidende Veröffentlichung bei der ICSE 2018 (International Conference on Software Engineering). Das war einer der renommiertesten Konferenzen im Bereich Software Engineering. Anfang 2018 erhielt ich dafür die lang erwartete Antwort von den Organisatoren: „We are happy to inform you that your proposal was accepted for the SEIP.“ Die Akzeptanzrate auf der diesjährigen Konferenz lag nur bei 21% umso glücklicher war ich dann am Ende. Zahlreiche Korrekturrunden machten das Papier nah an perfekt. Das war ein großer Erfolg. Am 29. Mai ging dann die Reise nach Schweden wo ich einen Vortrag vor der Elite der Informatik halten durfte. Das war zweifellos der Höhepunkt meiner Dissertation.

Am 31. Mai 2018 war es dann soweit. Ich hatte in meinen Vortrag über die entwickelte Datendekompositionsstrategie meiner Dissertation und über deren Einsatz in einem Projekt berichtet. Die Erfahrungen damit lagen dabei im Mittelpunkt. Die 45 Minuten meiner Präsentation hatten sich wie Sekunden angefühlt. Abends an dem gleichen Tag fand ein alles abschließendes Bankett statt. Viel Live- Musik, gutes Essen, viele zufriedene und glückliche Menschen – so kann man diesen Abend in einem Satz beschreiben. Am nächsten Tag bin ich dann zurück nach Hamburg geflogen.

Fakt 6: Harte Arbeit und gute Ergebnisse müssen belohnt werden. Man sollte hart arbeiten aber genauso auch die Erfolge feiern.


Abgabe & Verteidigung

Im Juli 2018 habe ich persönlich drei Exemplare meiner Dissertation in dem Prüfungssekretariat abgegeben. Von diesem Zeitpunkt an war mein Leben völlig anders. Ich war an diesem Tag sehr glücklich, obwohl ich noch auf die Gutachten warten musste und die Verteidigung der Arbeit stand noch bevor. Ich bekam dann relativ schnell ein ungewöhnliches Gefühl. Plötzlich musste ich nichts mehr lesen, schreiben und korrigieren.

Genau fünf Monate später, im Dezember 2018, fand meine Verteidigung statt. Diesmal war es kein klassischer Vortrag sondern eine 5-Jahre-zusammenfassende Geschichte mit meiner Datendekompositionsstrategie in der Mitten. Nach den 45 Minuten des Vortrags kamen die Fragen aus der Runde. Danach mussten alle den Raum verlassen. Die Gutachter und der Vorsitzende des Prüfungsausschusses hatten die Note für meine Dissertation hinter den geschlossenen Türen besprochen. Es wurde sehr gut, übersetzt in Latein Magna Cum Laude.

Meine Dissertation oder besser gesagt, diese lange Reise durch die wissenschaftlich praktische Landschaft der Computer Science mit viel Arbeit, einigen Momenten der Frustration, aber vielen unvergesslichen Erfahrungen war nun vorbei. Ich habe nun die Finnisch-Linie des Marathons überschritten, den ich vor mehr als fünf Jahren gestartet hatte. Ich möchte hier noch bemerken, dass der Dr. Titel jedoch kein Weihnachtsgeschenk war, wie viele meinten. Ein Geschenk bekommt man meisten gratis!

Fakt 7: Systematische Arbeitsweise ist Schlüssel zum Erfolg. Man muss immer kurz- und mittelfristige Ziele setzen und das Endziel vor Augen halten.


Der Weg ist das Ziel

Wenn man nach Herausforderungen strebt, unvergessliche Momente erleben will, die Projektarbeit nicht scheut und wissenschaftlich arbeiten möchten, dann ist die externe Promotion der richtige Weg. Hierzu möchte ich alle Absolventen und Menschen mit beiden Füssen im Berufsleben nur anmutigen und mit diesem Artikel inspirieren. Mit richtiger Einstellung wird man die Arbeit auch erfolgreich abschließen. Die vollständige Geschichte meiner Dissertation mit vielen Einzelheiten und Details, findet man auf meiner Homepage. Hierdurch bin ich auch für die Fragen und falls benötigt auch für die Unterstützung erreichbar.

Für mich war meine Dissertation eine lehrreiche und wichtige Zwischenstation. Ein neues Ziels mit dem Namen Qurix ist aber bereits gesetzt und viele spannende Veränderungen sind eingeleitet. Ich glauben nämlich, dass Daten und Informationen grundsätzlich unabhängig von den Systemen betrachtet werden sollen, in denen diese verwaltet werden. Eine stets optimale Repräsentation der Daten in Abhängigkeit von Anforderungen des operativen Geschäftes soll angestrebt werden. Das setzt hohe Flexibilität und Leistungsfähigkeit bei der Transformation der Daten voraus. Mehr dazu auf www.qurix.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.